Erhöhte Unfallgefahr: Risikogruppen im Straßenverkehr identifizieren

Risikofahrer: Sie war 22 … Von Petra Grünendahlkaefer

Risikogruppe „Junge Fahrer“? – Zu der gehörte sie mit Sicherheit nicht. Ihr Käfer, ein Sparkäfer mit 34 PS, war auch viel zu behäbig für irgendwelche wilden Spielchen auf dem Asphalt. Das war nicht ihre Welt! Sie war einfach … zur falschen Zeit am falschen Ort.

Sie fuhr nicht schnell an die Kreuzung heran. Erst als die Ampel grün wurde, gab sie bedächtig wieder Gas. Das war immer so: Auf diesem Stück hatte sie nie eine grüne Welle. Und das hatten ihr Augenzeugen auch hinterher bestätigt. Als sie in die Kreuzung einfuhr, die sie geradeaus durchqueren wollte, krachte ihr ein entgegenkommender Lkw als Linksabbieger in die A-Säule ihres Autos. Auf der Fahrerseite. Sie war sofort bewusstlos, konnte sich auch hinterher an den Unfallhergang nicht erinnern. Bis heute nicht. Die Feuerwehr musste den Wagen von oben aufschneiden, um sie rauszuholen. Mit schwersten, auch inneren Verletzungen wurde sie in ein Krankenhaus in der Nachbarstadt gefahren.

Senior am Steuer
Der Fahrer des Lkw hatte sie nicht gesehen. Die Kreuzung war auch des Nachts sehr gut beleuchtet. Der Fahrer behauptete zunächst, sie habe keine Scheinwerfer angehabt. Was aber der Sachverständige, der den Wagen untersuchte, widerlegen konnte. Der Mann war über 70, Rentner. Seine Sehfähigkeit war im „Dunkeln“ (und wirklich dunkel war die Kreuzung nicht) ganz offensichtlich sehr eingeschränkt. Seinen Führerschein hatte er bereits abgegeben gehabt. Weil er seine Fahrtauglichkeit anzweifelte … Trotzdem hatte er sich überreden lassen, den Lkw in dieser Nacht – es war kurz vor Mitternacht – zu fahren.

Sie war jung, sie kämpfte und – sie überlebte. Nach gut zweieinhalb Wochen wachte sie aus dem Koma auf. Damit war sie zwar langsam wieder bei Bewusstsein, brauchte aber immer noch einige Tage, zum sich zurecht zu finden, zu begreifen, wo sie war und was passiert war. Eigenständig konnte sie in den ersten Tagen nur denken. Körperlich lag sie eher wie Gemüse auf der Wachstation. Die Nahrung gab es über Schläuche, morgens wurde sie im Bett gewaschen – und vom Katheter und dem Beutel kriegte sie nicht einmal was mit. Für erste „Gehversuche“ durfte ihre Familie sie dann irgendwann im Rollstuhl raus fahren. Bis sie die ersten „Schritte“ in ihr neues Leben machen konnte, brauchte es noch weitere Zeit, auch wenn sie keinerlei Verletzungen an den Beinen erlitten hatte … Mit den körperlichen Unfallfolgen kämpft sie auch nach 25 Jahren noch!

© 2015 Petra Grünendahl